Meat the piglets

Meat the piglets

Jan 8, 2021 | Inspiring Earthlings, Interview

Angefangen hat alles eher zufällig mit zwei untergewichtigen Ferkeln, die die nächsten Tage eigentlich nicht hätten überleben sollen. Zum Glück hat sich Janina direkt in die beiden verliebt, Piggeldy und Frederick mit nach Hause genommen und sie mit der Flasche aufgezogen. Bei den beiden blieb es aber nicht. Und so durften auch noch Buddy, Frieda, Luzi, Lotti und Lillyfee bei ihr einziehen. 2019 gründeten Janina und ihre Familie den Tierschutzverein „Meat the piglets e. V.“. Mit diesem möchten sie aufmerksam machen – auf die Missstände in der Tierhaltung, auf das Leid tausender Tiere und sie möchten zeigen, was für tolle Tiere Schweine eigentlich sind.

Bilder: Janina Schäfer

Janina, kannst du kurz ein bisschen was über dich erzählen? Wer bist du? Was machst du? Und wie lange lebst du schon vegan?

Ich bin 26 Jahre alt, komme aus dem Münsterland und bin zum BWL Studium vor 7 Jahren nach Düsseldorf gezogen. Jetzt bin ich fertig mit dem Studium und mache ein Praktikum im Business Development eines Softwareunternehmens. Ich war bereits vor 7 Jahren das erste Mal durch meine Mitbewohnerin vegan, danach eher vegetarisch unterwegs. Ich war aber schon kurz bevor ich die Ferkel bei mir aufgenommen habe, wieder komplett vegan. Durch die beiden Kleinen war ich sehr tief im Thema drin und natürlich auch wesentlich emotionaler.

Wie kam es dazu, dass du die Ferkel gerettet hast?
Was wäre mit den Ferkelchen ansonsten passiert?

Dadurch, dass ich mich mehr mit Nachhaltigkeit beschäftigt habe und diese Themen auch bei Instagram aufgezeigt habe, wurde ein Landwirt darauf aufmerksam und hat mich zu seinem Hof eingeladen, um über Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft zu reden und mir die Möglichkeit zu geben, einen solchen Betrieb mal zu sehen. Bisher hatte ich nämlich nur Bildmaterial von Aktivisten gesehen und auf Social Media geteilt, die sich illegal Zugang zu diesen Ställen verschafft haben. Für Bauern sind solche „Einbrüche“ oft ein wirtschaftlicher Schaden (wegen Hygiene etc.) und deswegen wollte er mir zeigen, dass er „nichts zu verstecken habe“ – was ich mega stark fand. Der Betrieb mit ca. 1.500 Schweinen war natürlich schlimm für mich … In den Ferkelbuchten, in denen im Zwei-Wochen-Rhythmus ca. 200 Ferkel „produziert“ werden, waren teilweise ganz junge Ferkel, die erst in der Nacht zuvor geboren wurden. Der Landwirt erzählte mir, dass sie am nächsten Tag kastriert (ohne Betäubung) und die Ringelschwänze kupiert werden sollten – außerdem sollten sie Ohrmarken bekommen. Als ich zwischen den Ferkeln ein viel zu kleines Ferkel sah – es war etwa halb so groß wie seine Geschwister – erzählte mir der Landwirt, dass die zu kleinen Schweinchen in der Regel getötet werden. Einige kommen zu klein auf die Welt, können sich gegen ihre Geschwister nicht durchsetzen und würden verhungern. In vielen Betrieben ist es eine gängige Praxis, die Kranken/Schwachen zu „erlösen“. Dazu gibt’s zahlreiches schlimmes Videomaterial – aus Betrieben, wo das nicht fachgerecht gemacht wird. Da werden Ferkel teilweise auf den Boden geschlagen oder mit dem Hammer getötet. Ich meinte dann aus Reflex, dass er mir die beiden geben solle und ich sie aufziehen würde – meinte das aber eher aus Spaß. Am Abend nach der Besichtigung hat er mir dann geschrieben und mir angeboten die zwei illegalerweise bei mir vorbeizubringen. Natürlich konnte ich mich nicht dafür entscheiden, die zwei sterben zu lassen – obwohl ich länger überlegt und gezweifelt habe. Am nächsten Morgen hat er mir dann die beiden Ferkel im Pappkarton vorbeigebracht. Beide nicht einmal 48 Stunden alt und 700-800 Gramm schwer. Das Geburtsgewicht beträgt normalerweise 1-1,15 Kilogramm.

 

Schweine sind super intelligente Tiere. Kannst du uns ein bisschen was über sie erzählen?

Was viele leider nicht wissen: Schweine haben die kognitiven Fähigkeiten eines 4-jährigen Kindes. Sie sind auch schlauer als Hunde und können zum Beispiel mehr Tricks lernen als diese. Schweine haben sogar ein Ich-Bewusstsein. Nur wenige Tiere – neben Schweinen auch Delfine und Elefanten – haben das. Das heißt, wenn sich Schweine im Spiegel sehen, wissen sie, dass sie das sind. Sie sind sich ihrer selbst bewusst. 
Außerdem sind Schweine sehr charakterstark. Piggeldy war ein kleines Muttersöhnchen und sehr anhänglich, gleichzeitig super smart und konnte mit wenigen Wochen schon Sitz machen. Generell hatte ich das Gefühl, dass sie immer genau verstanden haben, was ich ihnen gesagt habe. Frederick war ein Draufgänger und hatte unendlich viel Energie. Buddy ist eine kleine Mimose – also super empfindlich was Stress und Belastung angeht. Frieda ist ähnlich wie Frederick sehr draufgängerisch, aktiv und keck. Außerdem sind Schweine Optimisten. Frieda und Buddy, die beide nur Negatives von Menschen erlebt hatten in ihren ersten 5 Wochen im Schweinebetrieb, waren schnell sehr zutraulich und gar nicht misstrauisch Menschen gegenüber.

Menschen verdrängen ja gerne mal, was mit den Tieren, die wir essen, passiert. Aber was genau unterstützen wir, wenn wir nicht auf Schinken oder auf die Spaghetti Bolognese „verzichten“ wollen? Sprich: Was passiert mit Schweinen in der (Massen-)Tierhaltung?

Das, was in der Massentierhaltung passiert, ist wirklich nur schwer vorstellbar und unerträglich. Deswegen ignorieren es so viele komplett. Selbst mir war bis dato nie so wirklich bewusst, was da hinter verschlossenen Türen abgeht. Allein die Tatsache, dass es Orte gibt, an denen hunderte bis tausende Schweine wöchentlich „produziert“ werden und Schlachthöfe – die man wohl eher Schlachtfabriken nennen sollte, da Schweine dort im Akkord am Fließband getötet und zerlegt werden. 40.000 Schweine werden alleine in der Tönnies-Schlachtfabrik täglich geschlachtet, ca. 150.000 Tiere deutschlandweit. Da Schweine einen zu dicken Schädelknochen haben, können sie nicht mit dem Bolzenschussgerät getötet werden. Deshalb werden sie vorher in Gaskammern mit C02 betäubt, wodurch die Tiere einer erheblichen körperlichen Belastung ausgesetzt werden. Denn sie sind nicht direkt bewusstlos, sondern zeigen heftige Erstickungssymptome und versuchen panisch, zu fliehen. Darunter sind übrigens auch Schweine aus sogenannten „Bio-Haltungen“. Ich habe mich mal bei Tönnies in ein Bewerbungsverfahren eingeschleust für interne Unternehmensberatung – dort wäre eine Aufgabe gewesen, herauszufinden, wieso eine Gaskammer mehr Gas verbraucht, als die andere bei gleichem Durchlauf an Schweinen. Grausam oder?
Aber auch das Leben vor der Schlachtung ist schlimm. Ich durfte ja zweimal eine Schweineaufzuchts- bzw. Mastanlage besichtigen. Die Tiere stehen auf engstem Raum auf Betonboden und sind mit ihrem eigenen Kot bedeckt. Zuchtsäue sind die meiste Zeit ihres Lebens in Käfigen fixiert, wo sie sich überhaupt nicht bewegen können, außer sich hinsetzen oder hinlegen (ohne die Bein ausstrecken zu können). Nach Beschäftigung oder Tageslicht sucht man vergeblich. In keinem der Ställe gibt es Stroh oder sonstiges Beschäftigungs- geschweige denn Komfortmaterial. Damit die Schweine die miserablen Haltungsbedingungen überleben, ist es gang und gäbe, prophylaktisch Antibiotika zu füttern.
Wenn man sich jetzt mal vorstellt, dass Hunde so gehalten werden würden – da wäre der Aufschrei riesig oder?
 

Wie alt können Schweine werden? Und wie alt werden sie in der Massentierhaltung?

Schweine können 10-15 Jahre alt werden. In der Massentierhaltung werden sie aber nur 6-10 Monate. Das ist so, als würde man Hundewelpen schlachten. Die sind noch lange nicht ausgewachsen. Die Zuchtsauen werden 2-4 Jahre alt. Wenn sie keine Ferkel mehr „produzieren“ können, werden auch sie geschlachtet.

Wenn Schweine den ganzen Tag tun dürften, was sie möchten - wie sähe so ein Tag aus?

Sie würden fressen. Und Blödsinn machen! Schweine sind echt super verfressen und würden vermutlich den Tag damit verbringen, nach Futter zu suchen, in die Futterkammer einzubrechen oder die Treppe zur Küche hochzulaufen. Frieda macht das gelegentlich auf dem Lebenshof beim Verein Hofzeit e. V.. Dort dürfen Schweine nämlich machen, worauf sie Lust haben. An warmen Tagen liegen sie oft in der Schlammsuhle im Wasser und kühlen sich ab. An kalten Tagen liegen sie im Stroh, wo sie viel schlafen und kuscheln.

Leider werden Schweine gerne mal als schmutzig bezeichnet. Das Gegenteil ist der Fall, richtig?

Piggeldy und Frederick waren keine 48 Stunden alt und waren bereits stubenrein. Auch ausgewachsene Schweine machen niemals in ihren Stall – wie sonst alle Tiere (Pferde, Kühe etc.), die im Stall leben. Wenn Schweine sich im Schlamm suhlen, liegt das daran, dass sie ihre relativ nackte, rosige Haut damit vor Insektenbissen und Sonne schützen.
Außerdem riechen sie weniger streng als beispielsweise Pferde oder Hunde. Allein die Schweine aus der Massentierhaltung riechen unfassbar streng, aber auch nur deshalb, weil sie dort in ihrem eigenen Kot gemästet werden. Die Ställe werden in den 4 Monaten Mast in der Regel nicht wirklich gereinigt, Kot und Urin fallen lediglich durch den Betonspaltboden nach unten.

Menschen und Schweine sind sich ja in vielen Punkten ziemlich ähnlich. Kannst du auch dazu ein bisschen was erzählen?

Oh ja, alleine schon die Haut und die Augen ähneln denen der Menschen sehr. Diese nackte rosafarbene Haut, diese runden Augen mit blauer oder brauner Augenfarbe – echt menschlich. Schweine können sich außerdem wie wir Menschen Gesichter merken. Die Organe von Mensch und Schwein ähneln sich auch sehr, weswegen sie oft zu Versuchszwecken genutzt werden. 

Inwiefern haben die Schweine dabei geholfen, deine Familie vegan zu machen?

Anfangs hat meine Familie meine vegane Ernährungsweise zwar akzeptiert, aber es selber nie so ganz verstanden oder verinnerlicht, wenn ich von den schlimmen Zuständen in der Tierhaltung erzählt habe. Sie haben meine Aufklärungsarbeit leider eher als Vorwurf wahrgenommen und die klassischen Floskeln runtergeleiert, um sich selbst ein besseres Gewissen zu machen. Von dem Tag an, an dem die Schweine bei meinen Eltern wohnten, waren sie sofort wie Enkelkinder für sie und es gab von dem Tag an kein Fleisch mehr, weil sie es wohl auch selber sofort eingesehen haben, dass es keinen Sinn macht, Tag und Nacht um das Überleben der beiden Ferkelchen zu kämpfen und gleichzeitig ihre Artgenossen zu verspeisen. Mein Vater hat mir das erste Mal richtig zugehört, als wir die Kleinen mit der Flasche gefüttert haben und ich erzählt habe, was eigentlich mit ihnen passiert wäre. Er war sehr gerührt und konnte, als er sich wenige Tage später eine Bratwurst bei der Arbeit holte, diese auch nicht mehr essen. Kurze Zeit später wurden meine Eltern und meine Schwester komplett vegan. Seitdem setzen sie sich auch vor anderen Familienmitgliedern, Arbeitskollegen und Bekannten gegen den Konsum tierischer Produkte und für die Tiere ein.

Wie kann man dich/euch unterstützen?

Wir haben einen gemeinnützigen Verein gegründet – Meat The Piglets e. V.
Durch Spenden und Patenschaften bezahlen wir das Leben der 5 Schweine Frieda, Buddy, Lotti, Luzi und Lillyfee auf dem Lebenshof. Vor Corona war es einfacher möglich, beim Stallbau zum Beispiel vor Ort zu helfen – da hatten wir im Herbst 2019 eine tolle Helferaktion, als für Frieda und Buddy ein Stall gebaut wurde. Am wichtigsten ist es aber, unserem Instagram-Account @meat_the_piglets zu folgen und unsere Beiträge und Storys mit möglichst vielen Menschen zu teilen, damit mehr Leute sehen, was für tolle Tiere Schweine sind und wie falsch es ist, die Quälerei in der Massentierhaltung mit seinen Kaufentscheidungen zu unterstützen
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Wer Meat the piglets unterstützen möchte, kann ihnen zum Beispiel bei Instagram folgen.

Wusstest du, was für tolle Tiere Schweine sind? 

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