Carolin Günther – Veganismus meets Kunst

Carolin Günther – Veganismus meets Kunst

Mai 18, 2020 | Inspiring Earthlings

Was Kunst mit Veganismus zu tun hat? Schaut man sich die Bilder von Carolin Günther an, wird man schnell feststellen: eine ganze Menge! Mit ihrem Kunstprojekt „About Meat“ möchte die Berlinerin aufmerksam machen – auf unser bizarres Verhältnis zu den Tieren. Warum werden die einen geliebt und die anderen gegessen? Und warum essen wir gerne Eier, finden aber Kükenschreddern ganz furchtbar? Ihre Bilder regen zum Nachdenken an und sollen Missstände aufzeigen. Und das tun sie. Oft aber erst auf den zweiten Blick. Warum genau das gewollt ist und wie sie immer wieder auf neue Ideen kommt, erzählt sie uns hier

Bilder: Carolin Günther

Carolin, magst du dich kurz vorstellen? Wo wohnst du, was machst du leidenschaftlich gerne und seit wann lebst du vegan?

Sehr gern. Unter meinem Künstlernamen Caroletta mache ich seit mehr als 12 Jahren Kunst. Vor allem die Malerei hat es mir angetan. Zusammen mit meinem Mann und meinen beiden Kindern lebe ich in Berlin. Das Fleischessen habe ich bereits vor über 30 Jahren eingestellt. Der Schritt zur veganen Lebensweise folgte dann vor 7 Jahren.

Wann und wie kam es dazu, dass du die Kunst mit dem Veganismus verbunden hast?

Vor etwa vier Jahren habe ich das Bild mit dem zerhackten Hasen gemalt (Jump Apart). Ohne dass ich es zu diesem Zeitpunkt wusste, war das der Anfang der „About Meat“-Serie.
Als ich ein Kind war, verbrachte ich ein paar Tage auf dem Bauernhof meiner Großeltern. Ich hatte furchtbares Heimweh und um mich zu trösten brachten sie mir kleine Häschen ans Bett. Das war eine schöne Geste. Das Heimweh war wie weggeblasen. Als ich jedoch ein paar Monate später wieder bei ihnen zu Besuch war, gab es Hasenbraten und ich verstand die Welt nicht mehr. Das war eine Art Schlüsselmoment für mich. Danach überkam mich beim Anblick oder beim Geruch von Fleisch jedesmal ein Würgereiz. Es war mir einfach nicht mehr möglich, Tiere zu essen. Dieses Erlebnis habe ich viele Jahre später dann künstlerisch verarbeitet. Wie wir mit Tieren umgehen, wie wir die einen ausbeuten und die anderen lieben, ist an Widersprüchlichkeit kaum zu überbieten. Es gab viel zu verarbeiten und die Malerei half mir dabei.

Aktivismus hat viele Gesichter. Ist deine Kunst ein Mittel für dich, Menschen dem Veganismus näherzubringen?

Kunst und Literatur sind wunderbare Werkzeuge, um Menschen aus ihrem Alltag zu reißen und zum Nachdenken zu bringen. Es gibt Menschen, die betrachten meine Bilder mit einem Hot Dog in der Hand und fragen, warum die niedlichen Tiere denn alle tot/ zerhackt sind. Sowas kann man sich nicht ausdenken. Ich hoffe dann immer, dass die Leute ihren Gefühlen irgendwann den nötigen Raum geben können und ein Teil der Botschaft hängenbleibt.

„Kunst und Literatur sind wunderbare Werkzeuge,

um Menschen aus ihrem Alltag zu reißen

und zum Nachdenken zu bringen.“

Was treibt dich tagtäglich an?

Ich halte es für unumgänglich, dass die Menschen im Umgang mit Tieren einen anderen Weg einschlagen. Aus ethischen Gründen, aber auch um unsere Umwelt, das Klima und unser aller Gesundheit zu schützen.
Die aktuelle Covid-19-Pandemie ist, wie fast alle Zoonosen, ja auch nur eine Folge der Ausbeutung von Wildtieren und deren Lebensräumen. 
Es ist mir unheimlich wichtig, über dieses Thema zu reden, es in die Öffentlichkeit zu bringen und die Menschen für die Folgen ihres Handelns zu sensibilisieren. Bei jedem Einkauf entscheidet man sich, ob man Tod, Elend und die Ausbeutung unseres Planeten unterstützen oder einen anderen, umweltfreundlicheren und v. a. friedlicheren Weg gehen möchte.

Wie kommst du auf die Ideen für deine Bilder? Entwickeln sie sich während des Prozesses oder sind es vielleicht ganz konkrete Situationen, die dich auf bestimmte Ideen bringen?

Oft sind es tatsächlich konkrete Situation, die mich inspirieren. So war ich einmal beim Bäcker und hatte eine Tasche mit dem Hasen-Motiv dabei. Ein Kind, das hinter mir in der Schlange stand hat die Tasche etwas irritiert angeschaut und auch seine Mutter fand das gar nicht lustig, dass der Hase da so zerhackt durch die Gegend hüpfte. Sie war sichtlich entrüstet. Dann bekam sie einen Anruf und sagte am Telefon, sie müsse nur noch eben die Rouladen vom Fleischer abholen, dann käme sie nach Hause. Diese Situation war die Inspiration für das Bild mit dem Baum, an dem Fleisch und Wurst wachsen und den Kindern, die um ihn herumtanzen.

Deine Bilder wirken teilweise erst auf den zweiten Blick. Man sieht schöne Blumen, die sich um das Motiv ranken, süße Tierchen, kleine Kinder. Erst beim genauen Hinsehen fällt auf, dass der Hase entzweit wurde oder Kinder um einen Fleischbaum herumtanzen.

Ja, das ist natürlich gewollt. Die Blumen und die kindlichen Illustrationen sollen die Leute einladen, hinzusehen. Wenn sie das dann tun, erkennen sie recht schnell, dass da etwas nicht stimmt. Die Idylle ist zutiefst gestört – so wie im richtigen Leben auch. Kein Tier wird totgestreichelt. Das kurze Leben der Nutztiere endet, wie es begonnen hat: gewaltsam und würdelos.

Veganismus und Feminismus gehen oft Hand in Hand. Das könnte man, wie ich finde, in das Bild mit dem Rieseneuter in Form eines Heißluftballons hineininterpretieren. Kannst du uns dazu ein bisschen etwas erzählen?

Das Bild, von dem du sprichst, trägt den Namen „Bobby Ballast“. Die Kälbchen hängen wie Sandsäcke am Korb des Ballons. Als Bobby Calves werden in der Milchwirtschaft männliche „Abfall“-Kälber bezeichnet. Für sie gibt es aufgrund ihres Geschlechts keine Verwendung. Deshalb werden sie oft direkt geschlachtet, für wenig Geld ins Ausland verkauft oder auch mal illegal entsorgt. Weibliche Rinder hingegen werden zwangsbesamt und geben Milch, wenn sie ein Kalb geboren haben. Damit wir sie täglich leer saugen können, müssen ihnen die Kälber direkt nach der Geburt weggenommen werden. Jedes Jahr aufs Neue. Die weiblichen Tiere stehen in einem unfassbar grausamen Ausbeutungsverhältnis zu uns. Ihr Leid wiederholt sich in einem ewigen Kreislauf, bis die Milchleistung nachlässt und ihre ausgemergelten Körper im Schlachthof landen. Veganismus heißt für mich auch explizit, weibliches Tierleid zu beenden. Als Vegetarier halte ich mit dem Konsum von Milch und Milchprodukten (aber auch Eiern) das ganze ausbeuterische System weiter am Laufen.

„Veganismus heißt für mich auch explizit,

weibliches Tierleid zu beenden.“

Das Bild, über das ich auf dich aufmerksam wurde, zeigt ein Schwein, das aufgeschnitten wie ein Schinken einem Hund gegenübersitzt. Kannst du uns was über den Hintergrund erzählen? Das ist ja quasi Speziesismus in seiner Reinform.

Schwein und Hund werden oft gegenübergestellt, wenn es darum geht Speziesismus zu illustrieren. Die Kategorisierung von Tieren in essbar und nichtessbar ist willkürlich. Schweine sind, genauso wie Hunde, intelligente und soziale Lebewesen. Sie fühlen Freude, Schmerz, Leid und Trauer. Dennoch behandeln wir sie wie Gegenstände, pferchen sie in lebensunwürdige Kastenstände ein und lassen sie – unfähig sich zu drehen oder aufzustehen – in ihren eigenen Exkrementen liegen. Dabei wissen wir, dass Schweine ihren Schlaf-und Liegeplatz strickt von ihrer Toilette trennen, wenn sie genügend Platz haben.

In einem Instagram-Post hast du mal geschrieben: Wir essen momentan die Welt kaputt. Was meintest du damit genau?

Die weltweite Gier nach Fleisch und Tierprodukten zehrt an unserem Planeten. Die Viehhaltung beansprucht unglaublich viel Land. Für Weideflächen, aber vor allem für den Futteranbau. In Brasilien wird per Brandrodung des Regenwaldes Platz geschaffen – für Rinderfarmen und Sojaplantagen. Dabei sind die Regenwälder Lebensraum für rund zwei Drittel aller bekannten Tier- und Pflanzenarten. Außerdem sind sie natürlich essenziell im Kampf gegen den Klimawandel. Wir zerstören komplexe Ökosysteme, weil das Steak so lecker schmeckt. Ist das nicht völlig verrückt? Um das Ausmaß der Umweltschäden durch die industrielle Tierhaltung zu bewundern, muss man übrigens gar nicht bis in die Tropen reisen. Riesige Tiermastanlagen produzieren auch hierzulande riesige Mengen an Gülle. Die muss natürlich irgendwo hin und wird als Dünger auf den Feldern ausgebracht. Das hat dazu geführt, dass in einigen Regionen das Land permanent überdüngt und das Grundwasser stark mit Nitrat belastet ist.

Die Kategorisierung von Tieren

in essbar und nichtessbar ist willkürlich.

Schweine sind, genauso wie Hunde,

intelligente und soziale Lebewesen

Gibt es auch Menschen, die sich durch deine Kunst vielleicht angegriffen fühlen? Oder bekommst du durchweg positive Rückmeldungen?

Die allermeisten Rückmeldungen, die ich bekomme sind positiv. Dennoch gibt es natürlich hin und wieder Leute, die sich durch meine Bilder oder Aussagen auf den Schlips getreten fühlen und das dann auch äußern. Solange die Diskussion sachlich bleibt, habe ich damit aber kein Problem.

 

Du hast jetzt ganz aktuell ein Buch herausgebracht. Es heißt: So haben wir das schon immer gemacht. Wie kamst du auf diesen Titel?

So haben wir das schon immer gemacht“ ist das schönste aller Totschlagargumente. Wenn man über Speziesismus und die gleichzeitige Nichtnotwendigkeit des Tiereessens diskutiert, kommt diese inhaltsleere Phrase früher oder später eigentlich immer zum Einsatz. Mit diesem Satz kann ich von der Unterdrückung der Frau bis zur Sklavenhaltung alles mögliche rechtfertigen, ohne mich inhaltlich mit irgendetwas auseinandersetzen zu müssen.

 

„Mein Buch ist eine

kleine Reise durch das

Mensch-Tier-Ausbeutungsverhältnis.“

Was möchtest du mit dem Buch zeigen?

Das Buch ist der Abschluss des „About Meat“ – Kunstprojekts, an dem ich viele Jahre gearbeitet habe. Die Illustrationen werden dabei von einem Text in Reimform ergänzt. Es ist wie eine kleine Reise durch das Mensch-Tier-Ausbeutungsverhältnis.

 

Für wen ist das Buch gedacht? Würdest du sagen, es ist auch etwas für Kinder?

Auch wenn es von Stil und Aufbau her sehr an ein Kinderbuch erinnert, ist es keinesfalls als solches zu verstehen. Es ist ein Buch für Erwachsene und eventuell für ältere Kinder mit Begleitung. Wobei die Geschichte hinter einem Kinderteller voller Chicken Nuggets sicherlich um ein Vielfaches grausamer ist, als die Illustrationen. Die Gesellschaft ist nur sehr geübt darin, solche Art Geschichten unter den Teppich zu kehren.

 

Gibt es in deinem Buch eine Lieblingsseite?

Ich mag das Bild mit dem Mädchen und der zerhackten Katze auf dem Teller am liebsten. Das bringt den moralischen Widerspruch wunderbar zum Ausdruck.

 

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Wer mehr von Carolins Kunst sehen möchte, kann ihr hier folgen.

Tolle Bilder, oder?

Lass mir gerne einen Kommentar da!

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